Dr.
Jakob Kastelic

Jurist. Widerstandskämpfer. Hingerichtet.

* 1897   † 1944

 

Herkunft, Schule, "Kriegsmatura"

Jakob Kastelic wurde am 4. Jänner 1897 in Wien geboren. Er war der Sohn eines Bäckergesellen. Seine Eltern wohnten im 14. Bezirk, in der Fenzlgasse. Er besuchte nach der Volksschule das k. k. Staatsgymnasium in der Fichtnergasse. Ab der ersten Klasse war er vom Schulgeld befreit, ab der vierten Klasse erhielt er ein jährliches Konviktsstipendium in der Höhe von 8.000 Kronen von der k. k. niederösterreichischen Statthalterei. Die Schule ermöglichte ihm zwei Mal ein Stipendium, das die Freunde des Hietzinger Gymnasiums für bedürftige Schüler ausgesetzt hatten. Im Oktober 1915 legte er die sogenannte “Kriegsmatura“ mit Auszeichnung ab.

Militärdienst im 1. Weltkrieg

Noch im Jahr 1915 wurde Jakob Kastelic zum Militärdienst eingezogen, vorerst bei der Infanterie-Ersatzkompanie V, dann beim Infanterieregiment Nr. 49 und beim Infanterieregiment Nr. 64.
Mit 1. Juni 1916 war er zum Zugsführer befördert worden, im August des selben Jahres erhielt er wegen Tapferkeit vor dem Feind die Silberne Tapferkeitsmedaille 2.Kl., nachdem er im Juli 1916 am nördlichen Kriegsschauplatz durch Streifschuss verletzt worden war. Im Auszeichnungsantrag hierzu hieß es: "Tadellose Führung seines Zuges beim Gegenangriffe der Komp. im Gefecht west. Wysorok am 3. 7. 1916." Im Oktober 1916 erlitt er am südlichen Kriegsschauplatz links einen Lungendurchschuss. Mit 1. August 1917 wurde er zum Leutnant in der Reserve befördert, im Jänner 1918 wurde ihm das Karl-Truppen-Kreuz verliehen. In einem anderen Belohnungsantrag wird von seinem "schneidigen, persönlichen Auftreten" berichtet.

Studium, Promotion, Rechtskonsulent, Heirat, Vater zweier Söhne

Nach Kriegsende inskribierte er an der Wiener Universität Rechtswissenschaften und wurde am 22. Dezember 1924 zum Doktor iuris promoviert. Seine berufliche Laufbahn verlief anfangs sehr mühsam. In den 1920´er und 1930´er Jahren war eine gute Stellung schwer zu bekommen, außer man hatte sehr gute Beziehungen. Jakob Kastelic war als Rechtskonsulent verschiedener katholischer Vereine tätig. Von 1934 bis 1938 arbeitete er hauptberuflich am Aufbau und Ausbau des staatlichen Österreichischen Arbeitsdienstes. Ab 1935 gehörte der Arbeitsdienst zum Bundesministerium für soziale Verwaltung.

1937 heiratete Jakob Kastelic eine Friseurstochter aus Penzing. 1938 wurde der ältere Sohn Norbert geboren, zwei Jahre später der zweite Sohn Gerhard.

Politische Verankerung

Politisch war Kastelic fest im österreichischen Katholizismus verankert. Er engagierte sich schon früh in katholischen Jugendorganisationen, unter anderem bei den Kalasantinern, und widmete sich besonders den Jungarbeitern. Im autoritären Ständestaat wirkte er am Aufbau der von Kurt Schuschnigg initiierten "Ostmärkischen Sturmscharen“ mit und war in den Jahren 1933/1934 Wiener Landesführer, bis 1938 Leiter des Sozial- und Wirtschaftsverbandes dieser Organisation. Er wirkte auch bei der christlichsozialen "Lueger-Jungfront", als Mitgründer beim Sportverein "Arminia“ und bei den "Christlich-deutschen Turnern". Für die Christlichsoziale Partei hatte er zuvor für den Gemeinderat und 1930 für den Nationalrat kandidiert.
Nach der Okkupation Österreichs wurde der Jurist im Mai 1938 entlassen. Er arbeitete in weiterer Folge als Rechtsanwaltsanwärter in der Kanzlei des Anwalts Karl Schreiner in der Wiener Mariahilfer Straße.

Gründer der Widerstandsgruppe "Großösterreichische Freiheitsbewegung"

Jakob Kastelic nahm das wahre Gesicht des Nationalsozialismus in seiner Ungeschminktheit wahr, und konnte diesen Umstand nicht einfach so hinnehmen. Er suchte Kontakte zu Gleichgesinnten, aber auch zu ehemaligen politischen Gegnern - er akzeptierte alle Gruppierungen außer der KPÖ -, von denen er wusste, dass sie das Vorgehen der Nationalsozialisten nicht akzeptieren würden. Eine erste Zusammenkunft fand im November 1938 im Café Wunderer an der Hietzinger Brücke statt. Sukzessive baute er Widerstandszellen auf, wobei Monate für die Erprobung und theoretische Argumentation vergingen, doch alle waren überzeugt, dass die Nationalsozialisten eine Niederlage erleiden würden. Er nannte seine Gruppe "Großösterreichische Freiheitsbewegung". Fritz Molden, der Jakob Kastelic kannte, beschreibt ihn in seinem Buch über den österreichischen Widerstand so: "... mittelgroß, mit markantem Kopf, grau melierten Haaren und gütigen blauen Augen, war eine äußerst tatkräftige und zielbewusste Persönlichkeit." Beobachter bezeichneten ihn "als den bedeutendsten politischen Kopf des österreichischen Widerstandes der ersten Zeit ...".

Zu den politischen Zielen der Gruppe gehörte der Gedanke einer Donauföderation unter Einschluss von Bayern, wenn möglich unter Beteiligung des Hauses Habsburg. Ihr gehörten unter anderem der sozialdemokratische Journalist Hans Schwendenwein, der parteilose DDDr. Karl Rössel-Majdan oder der Schriftsteller Günther Loch an. 1940 gelang es, Verbindung mit der "Österreichischen Freiheitsbewegung" um Dr. Karl Lederer und zur Gruppe um den Klosterneuburger Chorherrn Karl Roman Scholz aufzunehmen.

Verrat durch Otto Hartmann, Verhaftung, Todesurteil, Tod seiner Gattin, berührender Abschiedsbrief

Ab Juli 1940 wurden gut 300 Personen dieser Widerstandsgruppen vom Burgschauspieler Otto Hartmann verraten (Otto Hartmann wurde 1947 zu lebenslanger Haft verurteilt und 1957 begnadigt) und Kastelic am 23. Juli 1940 verhaftet. Im Dezember 1940 wurde er ins Wiener Landesgericht eingeliefert, im Sommer 1941 nach Westfalen in das Strafgefängnis Anrath verlegt, anschließend in die Strafanstalt Hamborn eingewiesen und im Jänner 1943 erneut nach überstellt. Am 1. März 1944 wurde Jakob Kastelic wegen Hochverrats zum Tode verurteilt.

Am 24. Jänner 1941 erhielt Dr. Kastelic im Wiener Landesgericht die Mitteilung, dass seine Frau schwer erkrankt ist. Er wurde an diesem Tag zu seiner Frau geführt. In den beiden darauf folgenden Tagen hörte er nichts vom Zustand seiner Frau. Er mochte annehmen, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befand. Doch einen weiteren Tag später erfuhr er vom Tode seiner Frau zwei Tage zuvor. Seine Frau Maria starb demnach am 25. Jänner 1941. Die Todesursache war eine Lungen- und Rippenfellentzündung.

Dr. Kastelic wurde es nicht gestattet, am Begräbnis seiner Gattin teilzunehmen. Eine Stunde vor dem Begräbnis konnte er - bewacht von zwei Justizbeamten - in der Aufbahrungshalle Abschied von seiner toten Frau nehmen.

Gnadengesuche seiner Schwester Anna und seiner damals 84-jährigen Mutter wurden vom Wiener Gauleiter Baldur von Schirach abgelehnt.
Sein berührender Abschiedsbrief enthielt folgende Worte: „Hütet mir meine Lieblinge, erzieht sie zu aufrechten, guten Menschen. Innigsten Dank für alle Liebe und Güte! Mutterls Lebensabend gestaltet schön! Bewahrt sie vor der schrecklichen Nachricht meines dergestaltigen Todes! Sie soll in schönem Bild zu mir in die Ewigkeit kommen. Mit innigster Dankbarkeit gehe ich gestärkt mit den Gnadenmitteln in die Ewigkeit.“

Letzter Besuch am Vortag seiner Hinrichtung

Am 1. August 1944 bekam Dr. Kastelic ein letztes Mal Besuch. Er wusste nicht, wann die Vollstreckung stattfinden sollte. Anna Hanika und sein Sohn Gerhard, der zu diesem Zeitpunkt ein Kleinkind war, waren unter den Besuchern. Ebenfalls vor Ort war Pater Johann Bruckner, ein Freund der Familie, der von der anscheinend am nächsten Tag stattfindenden Vollstreckung des Todesurteils wusste.

Das Sprechzimmer durfte von seinem Sohn Gerhard und Pater Bruckner während der Unterredungszeit nicht betreten werden. Die Eingangstür war für einen kurzen Moment geöffnet, sodass Jakob Kastelic seinen Sohn und Pater Bruckner sehen konnte. Der Pater gab ihm die Generalabsolution, wofür der Gefangene mit einer tiefen Verbeugung dankte. Doch die Stimme des Aufsehers, der das "Ende der Sprechzeit" verlautbarte, beendete den Besuch, ohne dass ein Abschiedsgruß möglich war.

Hinrichtung, Grab auf dem Pfarrfriedhof Penzing

Jakob Kastelic wurde am 2. August 1944 in Wien durch das Fallbeil hingerichtet. Seinen Leichnam fand man nach Kriegsende 1945 in der Wiener Anatomie. Er wurde am 27. Oktober 1945 auf dem Pfarrfriedhof Penzing beigesetzt.

Gedenktafeln

Eine Gedenktafel ist Im Kreuzgang des Minoritenkonvents, 1080 Wien, Alser Straße 17, angebracht.

Eine weitere Gedenktafel befindet sich im Kalasantinerkollegium in der Reinlgasse in Wien.

Am 27. Oktober 2015 wurde im Rahmen einer Veranstaltung auf der Gruppe 40 des Zentralfriedhofs im Gedenken an die Widerstandskämpfer eine Gedenktafel enthüllt, auf der auch der Namen von Dr. Jakob Kastelic angeführt ist.

Im ehemaligen Hinrichtungsraum des Wiener Landesgerichts findet sich sein Name auf der Gedenktafel.

Dr.-Jakob-Kastelic-Hof und Straßenbenennung

In Anerkennung seines Wirkens wurde in Wien-Penzing der Dr.-Jakob-Kastelic-Hof nach Dr. Jakob Kastelic benannt.

Im Jahre 2016 folgte die Benennung des Kastelicwegs nach dem Widerstandskämpfer.

Zudem ist die Kastelicgasse in St. Pölten nach Dr. Jakob Kastelic benannt.

Gerhard Kastelic und Anna Hanika

Anna Hanika, die selbst im Widerstand tätig gewesen war, blieb bis im Jahr 1943 in Haft. Sie erfuhr während der Haftzeit von der Inhaftierung von Dr. Kastelic, den sie bis dahin persönlich nicht kannte, und dem frühen Tod seiner Gattin. Sie wurde schließlich aus der Haft entlassen und aus einer glücklichen Fügung heraus musste sie dann nicht mehr arbeiten gehen. Sie erklärte sich sofort bereit, den jüngeren Sohn Gerhard zu sich zu nehmen, obzwar dies von der Gestapo nicht erlaubt war. Daraufhin gab es einen Volksgerichtsprozess, doch die Verurteilung führte zu keiner weiteren Haft, diese galt nach fast drei Jahren als abgegolten. Anna Hanika übernahm die Mutterstelle für den kleinen Gerhard.

Nach dem Tod der Schwester des Vaters im Jahr 1954 wurde sie Vormund von Gerhard und dessen Bruder Norbert. Sie kümmerte sich mit ganzem Herzen um die beiden Buben und ermöglichte ihnen eine gute Schulausbildung. Gerhard und Norbert Kastelic konnten schließlich ihr Doktorat in Jus erreichen.

Der Sohn von Dr. Jakob Kastelic, Dr. Gerhard Kastelic, ist Bundesobmann und Obmann der Landesgruppe Wien der ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich. Seit vielen Jahren engagiert sich Gerhard Kastelic für die Erinnerungsarbeit und tritt als Redner in Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen auf. Er ist Mitglied in verschiedenen staatlichen Kommissionen und Gremien wie dem Kuratorium des Österreichischen Nationalfonds. Kommerzialrat Kastelic ist seit dem Jahr 2004 Vizepräsident des Dokumentationszentrums des Österreichischen Widerstandes und seit 2013 Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der NS-Opfer-Verbände.

Das Familiengrab am Pfarrfriedhof Penzing

Weblinks und Quellen

Wir erinnern uns

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